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Welches ist Ihre Zeitperspektive?

Aleix Hildebrandt

Aleix Hildebrandt 5. August 2019

Die 3 Zeitperspektiven

Leben Sie eher im Moment oder schmieden Sie ständig Zukunftspläne? Das Konzept der Zeitperspektive (Zimbardo & Boyd, 1999) beschreibt die individuell unterschiedliche Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine Zeitperspektive ist also die verinnerlichte Zeitzone. Und mehr noch: Sie bestimme sogar massgeblich unsere Zufriedenheit und beeinflusse viele unserer Entscheidungen, so Zimbardo. Er unterscheidet dabei zwischen drei Zeit-Perspektiven:

Der vergangenheitssorientierte Typ

Diese Menschen orientieren sich an ihren Erinnerungen an ähnliche Situationen. Dabei kann der Fokus entweder auf negativen Aspekten der Vergangenheit liegen, beispielsweise auf Fehlern oder Verlusten, oder auf positiven Aspekten, also auf den guten Erfahrungen der Vergangenheit. 

  • Der positive Typ neigt dazu, glücklichere Beziehungen, einen gesünderen Lebensstil und einen besseren Wirtschaftstatus zu haben. Sie bleiben zudem gerne mit der Familie in Kontakt. 

  • Der negative Fokus bringt oft Symptome wie Angst oder Depressionen zum Vorschein. Die Zeitperspektive ist aber nicht in Stein gemeisselt. Eine Möglichkeit, die negativen Elemente der Vergangenheit ruhen zu lassen, besteht darin, sie neu zu interpretieren, das heisst: Die positiven Auswirkungen dieser Momente herauszufiltern, um eine positivere ganzheitliche Erfahrung zu schaffen.

Der gegenwartsorientierte Typ

Der gegenwartsorientierte Typ neigt dazu, in der Gegenwart zu leben und den Moment zu geniessen, ohne an mögliche Konsequenzen zu denken. Auch hier ist zwischen positivem (Hedonismus) und negativem Fokus (Fatalismus) zu unterscheiden.

  • Hedonismus bezieht sich auf die Suche nach Genuss, Abenteuer und Abwechslung und das Vermeiden von unangenehmen oder schmerzhaften Tätigkeiten. Studien zeigen, dass Hedonismus mit gesundheitsgefährdendem Verhalten wie Substanzmissbrauch oder das Vermeiden von Vorsorgeuntersuchungen zusammenhängt.

  • Fatalismus auf der anderen Seite bezieht sich auf das Gefühl, dass ohnehin alles vom Schicksal vorbestimmt ist, das „Leben ist, wie es ist“ und negative Erlebnisse unvermeidbar sind. Solche Typen fühlen sich in der Gegenwart oft nicht vollständig verwirklicht. Eine Möglichkeit, dieser Einstellung entgegenzuwirken, ist es, sich langfristige Ziele zu setzen, diese im Alltag anzustreben und sich mit positiven und produktiven Menschen zu umgeben.

Der zukunftsorientierte Typ

Der zukunftsorientierte Typ bezieht die Zukunft in sein Erleben und Verhalten mit ein. Diese Menschen planen und vertrauen darauf, dass sie mit ihren Entscheidungen ihr zukünftiges Leben beeinflussen können. Dabei berücksichtigen sie Kosten und Nutzen einer Entscheidung mit ein. Sie sind oft ehrgeizig, zielorientiert und haben viel zu tun. Zudem neigen sie dazu, positive und konstruktive Ideen zu haben. So verbringen beispielsweise Studierende, die eine Zukunftsorientierung haben, mehr Zeit mit Lernen und erhalten bessere Noten. Auf der Kehrseite können Investitionen in die Zukunft auf Kosten sozialer Bindungen und Freizeit gehen. Des Weiteren können sich diese Typen schlechter fokussieren, erholen und entspannen.

Die Zeitperspektive wird weitgehend in der Kindheit erlernt.

Wie entsteht eine Zeitperspektive? Wissenschaftliche Studien zeigen, dass unsere Zeitperspektive weitgehend in der Kindheit erlernt wird. Vorherrschende Werte, Normen und Rollen werden unbewusst verinnerlicht. Gleichzeitig kann die Zeitperspektive durch einschneidende Erlebnisse verändert werden. Auch die Kultur hat Einfluss auf unsere Zeitperspektive. Individualistische, "ich-fokussierte" Leistungsgesellschaften sind in der Regel zukunftsorientiert, während "wir-fokussierte" Gesellschaften – solche, die soziales Engagement fördern - in die Vergangenheit investieren. Auch der Wohlstand hat einen Einfluss: Ärmere Gemeinschaften neigen dazu, vermehrt in der Gegenwart zu leben.

Welches ist Ihre Zeitperspektive? Machen Sie den Selbsttest!
Zimbardo betont, dass alle folgenden Zeitperspektiven in unserem täglichen Leben bis zu einem gewissen Grad vorhanden sind. In der Tendenz ist aber eine spezifische Zeitperspektive vorherrschend. Zimbardo hat mit John Boyd einen Fragebogen entwickelt – das Time Perspective Inventory – um die persönliche Zeitperspektive zu messen. Füllen Sie diesen hier online aus um zu erfahren, welche Perspektive Sie verinnerlicht haben.

zum Selbsttest

 

Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Ziel der Theorie von Zimbardo darin besteht, ein tieferes Wissen über die Zeitorientierung zu vermitteln und eine Methode zu etablieren, die unsere grundlegenden Bedürfnisse und tief verwurzelten Werte erkennt.

Zimbardo betont, dass die Zeitperspektive zwar in frühen Phasen der Bewusstseinsentwicklung stattfindet, wir aber lernen können, unsere Denkweise bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Er empfiehlt, vergangene Ereignisse positiv zu nutzen, gesunde Wege zu finden, um die Gegenwart zu genießen und routinemäßige Verbesserungen vorzunehmen.


 Quelle

  • Zimbardo, P. G., & Boyd, J. N. (1999). Putting time in perspec-tive: A valid, reliable individual-differences metric. Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1271-1288.

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