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Experiment Stress – Teil 2

Tim  Kleinholz

Tim Kleinholz 5. Dezember 2018

Wir messen Stress

Inwiefern stressen uns ständige Arbeitsunterbrechungen? Dieser Frage sind wir im Rahmen einer Studie der Universität Zürich auf den Grund gegangen. Mithilfe biometrischer Sensoren und einer Tätigkeitsanalyse liess ich den Stress in meinem Körper während der Arbeit messen. Zusammen mit den Informationen über die Verwendung der verschiedenen Arbeits- und Kommunikationstools konnten Rückschlüsse über Unterbrüche, Produktivität und Stress ermittelt werden. Gerne präsentiere ich Ihnen nun die ersten Ergebnisse der Datensammlung.

«Ich entwickelte ein spürbar besseres Gefühl für meine Produktivität.»

In den ersten vier Wochen der Datensammlung befand ich mich immer noch in der Eingewöhnungsphase. Hierzu lief im Hintergrund die Software «Personal Analytics» und der angeschlossene Eye-Tracker. Schon nach kurzer Zeit spürte ich die Tools eigentlich nicht mehr und gewöhnte mich daran. Die Software der Datensammlung fragte mich alle zwei Stunden, wie produktiv ich die letzte Zeit empfunden habe. Nach einer Woche stellte ich fest, dass ich jeweils nach der Arbeit ein spürbar besseres Gefühl für meine Produktivität entwickelt habe, selbst wenn ich die Daten noch nicht einsehen konnte. Nach jetzt 4 Wochen ist dies mittlerweile ein gutes Hilfsmittel für mich geworden.

 

Längste Fokuszeit: 5 Minuten!

Nach 6 Wochen wurde es völlig normal, alle zwei Stunden kurz die Produktivität zu bestätigen, und am Ende des Tages mittels Dashboard zu prüfen, wie mein Tag verlaufen ist. Auf folgenden Screenshots sieht man deutlich, wie komplex ein Tag sein kann bzw. wie oft ich unterbrochen und zwischen verschiedenen Aufgaben und Programmen hin- und herwechselte. Gerade ein normaler Arbeitstag zeigt sich hier sehr stressig mit vielen Meetings, sowie vielen kurzen Nachfragen von diversen internen und externen Ansprechpartnern. Es bestätigt auch die Arbeitsweise bei Unterbrechungen - kaum zurück prüft man doch erst mal noch Mails oder andere Kommunikationskanäle, und benötigt länger um wieder an der eigentlichen Tätigkeit anzuknüpfen. Zudem fiel mir auf, dass der Browser mittlerweile ein viel zentralerer Part meiner Arbeit ist, was mir nie bewusst war. Sei es für Informationsbeschaffung, interne Kommunikation und auch Entwicklung.

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  • Longersttime

Die Retrospektive hilft ein besseres Gefühl für die eigene Produktivität zu entwickeln. Dass die gefühlte Produktivität eben nur gefühlt ist, hat mir dann folgende Kennzahl verraten: Die längste Fokuszeit in einem Programm war 5 Minuten. Obwohl ich also über 3 Stunden effektiv am Programmieren war, war mein Fokus vergleichsweise klein.

Ein Tag im Homeoffice zeigt spannende Unterschiede

Ich arbeite ca. einen Tag pro Woche im Home-Office, um ungestörter arbeiten zu können und eben weniger abgelenkt zu sein. Die Auswertungen zeigten: Der Anteil «Programmieren» war höher, obwohl von meiner Seite explizit nicht mehr eingeplant war. Überraschenderweise konnte ich auch neben den Entwicklungsaufgaben mehr umsetzen – obwohl einige Support Fälle mit Fragen bis zu mir kamen und mich unterbrochen haben. Somit ist ein stärkerer Fokus und weniger Wechsel ein enormer Vorteil! Allerdings arbeitete ich auch automatisch länger, da ich die Zeit oft vergessen habe. Damit liegt es nicht nur am wegfallenden Arbeitsweg, dass man mehr Zeit zur Verfügung hat, sondern auch daran, dass der Fokus selbst einen viel effizienter Arbeiten lässt. Man nimmt es teilweise gar nicht mehr als Arbeit wahr. Durch den Fortschritt nimmt man auch nach Pausen viel bewusster andere Tätigkeiten in Angriff, und kann auch mal für neue Funktionen Experimente wagen und so mehr Vorarbeiten leisten. Was auch wieder für Motivation sorgt, nicht nur bei mir! Stress fühlte ich im Homeoffice deutlich weniger, und auch die längeren Zeiten machten mir weniger etwas aus.

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Fazit

Das Experiment Stress hat mir gezeigt, dass die gefühlte Produktivität nicht immer der Realität entspricht. Für die Zukunft nehme ich mir vor, mir bei der Arbeit stets die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, heisst konkret: Ablenkungen minimieren und Auszeiten einplanen, um Stress zu verhindern und Produktivität zu erhöhen. Vorteile für die Produktivität, aber auch Gefahren, sehe ich in der Home-Office-Arbeit: Trotz erhöhter Fokussierung bei der Arbeit vergass ich oft die Zeit und arbeitete länger als geplant. Privates und Berufliches verschmelzten. Dafür konnte ich die Zeit besser und flexibler einteilen und wurde nicht regelmässig von Mitarbeitenden unterbrochen. So kann auch der Stress deutlich reduziert werden durch solche fokussierten Tage.

Notiz an mich: Wenn ich meinen Home-Office-Tag mit der richtigen Ruhe und Freiheit selbst organisieren kann, kann dies sehr fokussierend und motivierend wirken. Auch wichtig hier am Ende eine Retrospektive zu machen, um für das nächste Mal die Weichen richtig zu stellen.

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